Audiotherapie - was ist das?

Audio: abgeleitet von lateinisch 'audire' - hören
Therapie: entsprechend griechisch 'Therapeut' - Diener, Wärter


Wie alles begann…

Hörgeräte allein reichen nicht. Das ist lange bekannt.

Bereits in den 1970er Jahren gab es erste Angebote, das bestehende Angebot des reinen Ausgleichs von Kommunikationsschwierigkeiten durch die Versorgung mit Hörgeräten zu ergänzen. (Vielleicht auch aus der Not heraus entstanden, dass die Hörgerätetechnik von damals durchaus ihre Tücken hatte) Aus einem Sammelsurium von Möglichkeiten (Erlernen von „Lippenlesen“, Kommunikationstaktik, Gebärdensprache und Nutzung von Zusatztechnik -Telefonspule und FM waren bereits damals in aller Munde) wurde ein geordnetes System zur Verbesserung der kommunikativen Situation Hörgeschädigter Menschen.

Vor dem Hintergrund des Wissens, dass auch die Psyche leidet, wenn die Kommunikation nicht klappt, entstanden erste Rehabilitationsangebote für Menschen mit Hörschädigung. So wurde z. B. das Rehazentrum für Hörgeschädigte in Rendsburg gegründet.

Die Besonderheit der Klientel der Hörgeschädigten wurde daraufhin eigens in einem Forschungsprojekt beleuchtet und die Notwendigkeit der Schaffung auch eines medizinischen Konzepts für die Rehabilitation von hörgeschädigten Menschen nachgewiesen. Die Baumrainklinik in Bad Berleburg nahm ihre Arbeit auf. 

Beide Rehazentren bieten noch heute ein umfassendes Angebot für die Rehabilitation von Menschen mit nahezu sämtlichen Formen von Hörbeeinträchtigungen.

Weitere Kliniken entstanden im Laufe der Jahre.

Der Gedanke, auch ambulante Angebote zu etablieren, wurde nicht aufgegeben. Auf eine Initiative des Deutschen Schwerhörigenbundes e.V. (DSB) entstanden daher erste Konzepte zur Ausbildung von Fachleuten, vielleicht sogar zur Schaffung eines neuen Berufsbildes. So fanden Ende der1990er Jahre erste Fortbildungen zum „Kommunikationstrainer für Schwerhörige“ statt.

Die Grundidee war einfach: Das für die Festigung der Kommunikation hörgeschädigter Menschen notwendige Wissen aus den Fachgebieten Hörtaktik, Kommunikationspsychologie und Pädagogik,  ergänzt um die notwendigen audiologischen und (HNO-)medizinischen Aspekte wurde zusammengetragen und gebündelt. Psychologische und gesprächstherapeutische Maßnahmen zur Beratung und Wissensvermittlung wurden entwickelt und erste Interessenten qualifiziert ausgebildet und für die Arbeit mit für die hörgeschädigte Klientel notwenigen Kommunikationsmitteln (Kommunikationssysteme, Zuhilfenahme von Zusatztechnik) geschult , hörgeschädigten Menschen im Umgang mit der eigenen Schwerhörigkeit und beim Erlernen von Bewältigungsstrategien zu unterstützen, notwendiges Fachwissen zu vermitteln und bei der Entwicklung eines positiveren Selbstbildes zu fördern.

Das Tätigkeitsfeld des Audiotherapeuten war geschaffen.

Erste konkrete Ausbildungsgänge fanden dann zur Jahrtausendwende in Zusammenarbeit mit der Akademie für Hörgeräteakustik in Lübeck statt. Bis heute wurden allein nach dem umfassenden Konzept des Deutschen Schwerhörigenbundes (Referat Audiotherapie) über 200 Kolleginnen und Kollegen ausgebildet.

Auch die Hörgeräteakustiker haben erkannt, dass es mit der rein technischen Lösung nicht getan ist. Seit einigen Jahren bietet die Europäische Union der Hörgeräteakustiker (EUHA) einen – wenn auch deutlich weniger umfangreichen – eignen Ausbildungsgang an, der aber nur Hörgeräteakustikermeistern zugänglich ist.

Grundlegende Unterschiede zwischen diesen beiden Ausbildungsgängen  sind sicherlich der Stundenumfang (bei der EUHA etwa 1/3 im Vergleich zum Ausbildung nach dem Konzept des DSB) und die Tatsache, dass die EUHA-Audiotherapeuten „nur“ eine Teilnahmebescheinigung erhalten, während die DSB-Audiotherapeuten eine umfangreiche mündliche, schriftliche und praktische Prüfung absolvieren,  darüber eine Facharbeit vorlegen und Praktikumsnachweise erbringen müssen. Es gibt aber auch Hörgeräteakustikermeister, die bewusst den Ausbildungsgang beim DSB wählen, der jedem zugänglich ist. So ist der Anteil an Hörgeräteakustikermeistern bei den Audiotherapeuten (DSB) geringer jedoch versteht sich der Audiotherapeut nicht als Hörgeräteakustiker-Ersatz! Er passt auch im Rahmen seiner audiotherapeutischen Arbeit keine Hörgeräte an, legt aber durchaus Wert auf eine gute Zusammenarbeit mit dem anpassenden Akustiker.

Erste Annäherungen zwischen den beiden „Gruppen“ von Audiotherapeuten finden im eigens gegründeten „Berufsverband“, dem Bund deutschsprachiger Audiotherapeuten e.V. statt, der auch die Anerkennung als eigenes Berufsbild anstrebt.

Heute weiß man: Mit einer gezielten,  an den kommunikativen Herausforderungen des Betroffenen orientierten Förderung ist ein zufriedenstellendes Leben mit Hörbehinderung möglich. Die Folgen von Schwerhörigkeit– vor allem im Bereich der psychovegetativen Symptomatik – sind vermeidbar, wenn ein entsprechendes Rehabilitationsangebot vorhanden ist.

Das sich verbreitende Angebot an audiotherapeutischen Maßnahmen bestätigt das.

 

…heute:


An der Schnittstelle zwischen medizinischer Versorgung und der Anpassung von Hörgeräten oder auch bei kommunikativen und psychosozialen Schwierigkeiten bietet die Audiotherapie professionelle Hilfestellung, insbesondere für erwachsene hörgeschädigte Menschen.


Die Ausbildung der Audiotherapeuten (DSB) berücksichtigt Fachwissen aus den Bereichen HNO-Heilkunde, Audiologie, Psychologie, Pädagogik, Sozialrecht, Sprachheilkunde und angewandten Methoden der Kommunikation immer mit dem Schwerpunkt Hörschädigung.


Die Audiotherapie hat das Ziel, hörgeschädigten Menschen zu einem differenzierten Hören und Verstehen und damit zu einer verbesserten Kommunikation zu verhelfen. Dabei sollen eine unterstützende Förderung und Pflege sozialer Kompetenzen den sozialen Status festigen und die Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen.
Durch Informationsvermittlung über sozial-rechtliche Bestimmungen unterstützt die Audiotherapie hörgeschädigte Menschen dabei, ihre Rechte kennen zu lernen und in Anspruch zu nehmen. Audiotherapie ergänzt und verzahnt die Versorgung hörgeschädigter Menschen durch HNO-Ärzte, Hörgeräteakustiker, Bildungs- und Rehabilitationsträger, Beratungsstellen, Integrationsämter und Reha-Kliniken.


Audiotherapie trägt aktiv zur Vermeidung von so genannten 'Schubladenhörgeräten' bei. Ein verbesserter Umgang mit der Hörschädigung kann bei davon betroffenen Menschen zu einer optimierten Lebenseinstellung führen. Audiotherapie hilft somit auch, Folgekosten einer Hörschädigung zu verhindern und unterstützt erwachsene Hörgeschädigte beim Umgang mit ihrer Behinderung im Erwerb von aktiven Bewältigungsstrategien.
Audiotherapeuten arbeiten in Rehaeinrichtungen, in Beratungsstellen, bei Hörgeräteakustikern, bei HNO-Ärzten oder freiberuflich.

Eine Kostenübernahme durch die GKV ist noch nicht geregelt, in Einzelfällen aber möglich. In besonderen Fällen kommen neben der GKV auch andere Kostenträger in Frage. Sprechen Sie mit Ihrem Audiotherapeuten.

Im Rahmen des Kommunikationsprojektes des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe werden entsprechend ausgebildete und erfahrene Audiotherapeuten inzwischen auch in diversen Schulen eingesetzt.